Also, ich bin dreißig. Viel hat sich verändert – und es geht nicht nur um Falten (die habe ich auch bekommen). Ich mag viele Dinge nicht mehr, die ich früher geliebt habe, und genieße inzwischen das, was ich einmal gehasst habe. Ich fühle mich heute wie eine Frau und nicht mehr wie ein Mädchen. Das Wichtigste aber, was mich dazu gebracht hat, über mein Leben nachzudenken, ist etwas anderes: Ich bin jetzt so alt wie meine Eltern damals, als ich mich bereits bewusst an sie erinnern konnte. Ich bin in der Ukraine geboren und habe dort bis zu meinem 25. Lebensjahr gelebt. Meine Kindheit spielte sich in den 90er-Jahren in einem kleinen Dorf in der Zentralukraine ab. Armut war allgegenwärtig. Meine Mutter wechselte ständig die Arbeit, um irgendwie Geld zu verdienen. In unserem Dorf hatten viele Menschen längst vergessen, was ein Gehalt überhaupt ist. Die wenigen, die eines hatten, bekamen etwa 50 Hrywnja im Monat – ungefähr zehn Dollar. Mein Vater war im Gefängnis. Fünf Jahre lang – seit ich zwei war. Meine Mutter hat mir nie verheimlicht, was mit ihm passiert war. Trotzdem bat sie mich, anderen zu sagen, er sei auf Dienstreise. Was sinnlos war, weil im Dorf ohnehin jeder wusste, was los war. Wir lebten bei meinen Großeltern mütterlicherseits. Auch der große Bruder meiner Mutter wohnte dort. Das Haus hatte nur zwei Zimmer, ohne Tür dazwischen. Bis zu einem gewissen Alter hielt ich das für normal. Natürlich wusste ich irgendwie, dass es auch anders sein konnte – im Fernsehen lief Beverly Hills, 90210. Eine Serie über reiche Amerikaner in Los Angeles. Für mich war das eine andere Welt. Ich sagte immer: „Wenn ich erwachsen bin, werde ich einen Laptop haben und in Kalifornien leben. Meine Großeltern akzeptierten meinen Vater nie – nicht ganz unbegründet. Auch darüber, dass meine Mutter mit 18 schwanger wurde, waren sie nicht glücklich. Ich war kein gewünschtes Enkelkind. In einem Haus voller Erwachsener gab es niemanden, der wirklich auf mich aufpasste. Meine Mutter war entweder arbeiten oder in der Stadt auf Jobsuche. Meine Großmutter war mit ihrer Arbeit beschäftigt und ging darin auf. Mein Onkel und mein Großvater waren meist betrunken oder verkatert. Deshalb war ich oft bei verschiedenen Verwandten. Das hatte auch etwas Schönes. Ich war das erste Kind in der Familie, und viele Tanten und Onkel mochten mich sehr. Das ist ein kleiner Einblick in meine frühen Jahre. Vielleicht klingt es deprimierend, aber ich habe viele gute Erinnerungen an diese Zeit. Wenn ich heute an meine Mutter denke – Anfang zwanzig, allein in einem neuen Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Ausbildung, ohne Unterstützung, mit einem kleinen Kind auf dem Arm –, dann empfinde ich Mitleid. Und Dankbarkeit dafür, dass sie dennoch alles getan hat, damit ich mich einigermaßen normal fühlen konnte. Ab meinem siebten Lebensjahr veränderte sich mein Leben. Mein Vater kam zurück aus dem Gefängnis. Meine Mutter hatte all die Jahre auf ihn gewartet und freute sich, die Familie wieder vereint zu sehen. Ich empfand das anders. Der einzige Kontakt zu meinem Vater während dieser fünf Jahre waren Briefe gewesen. Keine Telefonate, keine Besuche. Ich konnte mich kaum an ihn erinnern. Es gab keine Vater-Tochter-Beziehung. Er unternahm auch keinen Versuch, eine aufzubauen. Seine Sprache war Beschimpfung und Gewalt. Wir zogen aus dem Haus meiner Großeltern in ein anderes Dorf. Meine Mutter schützte mich von ihm nicht. Schon in diesem Alter begann ich, für mich selbst verantwortlich zu sein. Auch drei Jahre später konnte ich ihn nicht „Papa“ nennen. Er blieb ein Fremder. Dafür wurde ich von meiner Mutter regelmäßig ausgeschimpft. Körperliche Bestrafung von Kindern ist in meinem Herkunftsland bis heute weit verbreitet. Es ist einfacher, Kinder mit Macht und Angst zu kontrollieren, als sie zu erziehen. Einmal fragte ich meine Eltern, ob sie nicht einfach mit mir reden könnten, statt mich zu schlagen. Sie lachten mich aus. Ich war acht Jahre alt. Es gibt keinen Grund, Kinder zu schlagen. Und ich hatte auch keinen gegeben. Es war ein typischer ukrainischer Winter: viel Schnee, Kälte, kurze, dunkle Tage. Meine Mutter lag seit einer Woche im Krankenhaus mit meinem neugeborenen Bruder. Ich war allein. Ich stand allein auf, zog mich an, ging zur Schule, machte meine Hausaufgaben und bereitete mir oft selbst etwas zu essen zu – so gut es ein neunjähriges Kind eben kann. Mein Vater war zwar zu Hause, aber kümmerte sich nicht um mich. Er kochte Tiefkühlessen, und wir aßen schweigend. Ich war ihm egal. Eines Nachmittags kam ich von der Schule nach Hause und wollte in Ruhe meine Hausaufgaben machen. Mein Vater kam ins Zimmer und fragte, ob ich zum Laden gehen und Granatäpfel kaufen könne – er liebte Granatäpfel. Ich war müde, es schneite stark, und der Laden war zwanzig Minuten zu Fuß entfernt. Aber ich hatte keine Wahl. Im Laden gab es keine Granatäpfel. Ich kam mit leeren Händen zurück. Mein Vater sagte, ich solle in ein anderes Dorf gehen, um welche zu holen. Ich war ein Kind, aber nicht dumm. Ich sagte, das sei unsinnig – es wurde bereits dunkel, es schneite, und es gab keine Garantie, dass ich dort welche finden würde. Er sagte nichts und sah weiter fern. Später, als es schon dunkel war, kam er in mein Zimmer. Er begann zu schreien und fragte immer wieder, warum ich keine Granatäpfel gekauft hatte. Es spielte keine Rolle, was ich sagte. Er schrie nur lauter und fing an, mich zu schlagen. Ich versuchte, mich in einer Ecke zwischen Wand und Schrank zu verstecken. Das war mein Fehler. Er stieß mich mit den Füßen, dann nahm er das Fernsehkabel und schlug mich damit. Als er fertig war, fragte er: „Weißt du, warum ich das gemacht habe?“ Ich sagte: „Weil ich keine Granatäpfel gekauft habe.“ Er antwortete: „Nein. Weil du dir keine Mühe gegeben hast.“ Dann verließ er das Zimmer. Als meine Mutter eine Woche später nach Hause kam, hatte ich immer noch blaue Flecken am ganzen Körper. Ich versteckte sie vor ihr, weil ich wusste, dass ich keine Unterstützung bekommen würde. Ich hatte sie nie bekommen. Sie sagte immer, ich hätte ihn provoziert. Ich müsse hören, was er sagt. Ich müsse brav sein. Ich müsse verstehen, wie er ist. Ich bin jetzt dreißig. Früher dachte ich, meine Eltern sind selbst noch Kinder gewesen. Aber mein Vater war damals auch dreißig. Ich habe keine eigenen Kinder. Aber wenn ich Kinder sehe – an der Haltestelle, im Laden oder in der S-Bahn –, frage ich mich manchmal, ob ich ihnen das antun könnte, was mein Vater mir angetan hat. Der Gedanke erscheint mir absurd. Ich bin nicht wütend auf meine Eltern. Sie sind, wie sie sind. Sie werden sich nicht ändern. Ich kann ja auch die Vergangenheit nicht ändern. Aber es tut immer noch weh. Und es wird wahrscheinlich nicht aufhören. Taten verjähren nicht. Trauma auch nicht.